Typen-Fertighaus versus Architektenhaus – ein Dinosaurier?

 In Allgemein

Ist die Unterscheidung in ein Typen-Fertighaus und ein Architektenhaus überhaupt noch zeitgemäß, ist sie noch sinnvoll und haltbar? Darauf versuchen wir im folgenden Interview Antworten zu erhalten. Ein modernes Fertighaus wird in der Regel als Holzrahmenbau errichtet. Es punktet durch seine witterungsgeschützte und maßgeschneiderte Vorfertigung im Werk, die routinierte schnelle Hausmontage vor Ort. Mit einem solchen vorgefertigten Haus lässt sich durch einen passenden und ausgeklügelten Grundriss „aus der Schublade“ besonders zeitsparend bauen – und Zeit ist Geld, besonders bei den derzeitigen hohen Mietpreisen. Mit den ersten Entwürfen aus den siebziger Jahren hat es praktisch nichts mehr gemein – außer dem Vorfertigungsprinzip. Bei einem explizit mit dem Architekten geplanten Haus hingegen kann sich der Bauherr praktisch alle planerischen Details von Anfang an selbst überlegen, sie mit dem Planer zusammen perfektionieren, allein entscheiden und so mit gewissem zeitlichen Mehraufwand alle Fäden in den Händen halten. Ausgeklügelte Wohn- und Architekturideen weichen durchaus vom Mainstream ab – und die Häuser sind optimal an die Grundstücksgegebenheiten angepasst. Ein Architektenhaus kann als Massiv- oder als Holzhaus gefallen.

Wir sprechen mit dem Geschäftsführer Bruno Streif von der Streif Fertighaus Consult in Oberkirch und mit dem Architekten Dipl.-Ing. Albert Ellerbroek von ELLERBROEK Architektur in Achern.

Albert Ellerbroek – Foto: Mladen Panic

Bruno Streif – Foto: privat

Herr Streif, an wen richten Sie Ihre aktuellen Hausentwürfe?
An Menschen und Familien, die sich ein Haus bauen wollen um darin zu leben und sich im eigenen Heim wohlzufühlen. Dieser Aufgabe widme ich mich seit vielen Jahrzehnten mit Leidenschaft.

Welche Kunden kommen auf Sie zu, Herr Ellerbroek?
Aktuell arbeiten wir an verschiedenen Sanierungs- und Umbauprojekten. Der Umgang mit vorhandener Bausubstanz, das Erweitern oder Wiederbeleben älterer Gebäude stellt einen großen Teil unserer Arbeit dar. Witzigerweise haben wir zur Zeit aber auch einen Kunden, der sich dagegen entschieden hat, ein frei geplantes Architektenhaus mit uns zu bauen und stattdessen ein Fertighaus bestellt hat. Wir haben für Ihn nun den Bauantrag gestellt sowie die Außenanlagen und eine Garage geplant. Sein Argument gegen eine freie Planung war das Gefühl von Kostensicherheit beim Fertighausanbieter. Mittlerweile haben sich die Kosten dort durch Anpassungen und Umplanungen aber auch erhöht.

Herr Streif, für welchen Kundentyp ist es interessant, ein Fertighaus zu bauen?
Typen kann ich nicht erkennen. Hausinteressenten unterteilen sich in Massivbauanhänger und Menschen, die Holzfertigbau vorziehen. Architektur wird überwiegend intuitiv wahrgenommen. Dabei sind das äußere Erscheinungsbild und wenige ganz spezifische Details den Menschen wichtiger als eine gute Gesamtarchitektur. Weitere Auswahlkriterien sind die kurze Bauzeit, der Festpreis und die Möglichkeit Musterhäuser anzusehen.

Herr Ellerbroek, für welchen Kundentyp ist es interessant, ein Architektenhaus zu bauen?
Ich denke, dass die meisten Kunden von uns Architekten entweder keinen Entwurf „von der Stange“ wollen oder ein Baugrundstück mit besonderen Eigenschaften haben. Zum Beispiel fordert ein Hanggrundstück mit Gefälle eine individuelle Anpassung der Gebäudes, wodurch Fertighäuser schnell deplatziert wirken. Aber auch, wenn ein bestehendes Haus erweitert werden soll,  ist eine individuelle Planung nötig, die nur der Architekt liefern kann.

Herr Ellerbroek, wann ist es besonders sinnvoll, sich für ein Architektenhaus zu entscheiden?
Jeder, der etwas Eigenes, etwas Besonderes sucht, dass genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist, jeder den der Gedanke stört, das gleiche Haus wie der Nachbar zu kaufen, sollte nach einem guten Architekten Ausschau halten, bevor er ein Fertighaus kauft. Allerdings ist es ähnlich wie beim Autokauf: Die meisten Autofahrer kaufen einen Gegenstand, der sie zuverlässig transportiert und im Alltag die grundlegenden Bedürfnisse an Komfort und Funktionalität erfüllt. Als Golffahrer habe ich nicht nach einem Unikat mit Alleinstellungsmerkmal gesucht, sondern wollte einfach ein zuverlässiges Auto. Als Fertighauskäufer suche ich wohl ein Haus mit vier Wänden und Dach, in dem meine Familie trocken und warm wohnt und meine Alltagsbedürfnisse erfüllt. Bei dieser Metapher wäre der architekturinteressierte Kunde wohl eher der Fahrer eines (teilweise selbst) restaurierten Oldtimers, der ein Unikat sucht und der sich mit der Materie auseinandersetzen will, weil er ein persönliches Interesse hat. Er kennt jede Schraube am Auto und hat sich viel mehr Gedanken gemacht, was ihm an einem Auto wichtig ist.

Herr Streif, wann ist es besonders sinnvoll, sich für ein Fertighaus zu entscheiden?
Vor 2000 Jahren formulierte der römische Architekt und Ingenieur Vitruv: „Das Ganze ist mehr als die Summe von Einzelteilen.“ Wenn Konzept, Planung, Konstruktion und Ausführung aus einer Hand kommen, erhält die Bauherrschaft ganzheitliche Lösungen. Häuser aus Raumelementen, die zu 80 Prozent im Werk hergestellt werden, erfüllen diese Anforderungen vorbildlich. Sie sind außerdem qualitativ hochstehend und preisgünstiger. Auch bei Industrieerzeugnissen spielen Individualität, Architektur und Design eine entscheidende Rolle. Ein komplexes Produkt, und das ist ein Haus, gelingt nur als gemeinsames Werk.

Welche Vorteile sprechen aus Ihrer Sicht außerdem für ein Fertighaus, Herr Streif?
Eindeutig ist der Holzfertigbau die bessere Bauweise. Ökologisch gebaute Häuser, mit mehrschichtigen Wand- und Deckenkonstruktionen, gesund und trocken ausgeführt, bieten mehr als Mauerwerk, das mit einer dicken Dämmschicht belegt ist. Diese total verkürzte Darstellung kann natürlich einen soliden Vergleich nicht ersetzen.

… und was spricht aus Ihrer Sicht für ein Fertighaus beziehungsweise Architektenhaus, Herr Ellerbroek?
Das Fertighaus kann der Kunde vor dem Kauf anfassen, er weiß sehr genau, was er erwarten kann. Er kann außerdem alle notwendigen Entscheidungen zur Ausstattung an nur einem Nachmittag treffen. Die freie Planung mit einem Architekten lässt viel mehr Entscheidungsfreiheiten, fordert aber auch einen höheren Zeitaufwand vom Kunden.

Herr Ellerbroek, sowohl Fertighäuser als auch Architektenhäuser werden heute von Architekten entworfen, worin besteht der entscheidende Unterschied?
Ein Fertighaustyp soll eine möglichst breite Käuferschicht ansprechen. Es ist also immer nur ein Kompromiss, die größtmögliche Schnittmenge. Das Architektenhaus wird dagegen nur für diesen einen Bauherren entworfen, geplant und gebaut. Wenn der Architekt alles richtig gemacht hat, passt dieses Haus wie ein Maßanzug.

… Herr Streif, wie ist ihre Auffassung zu diesem Punkt?
Der Entwurf ist ein wichtiger Teil des Ganzen. Hinzu kommen umfangreiche Ingenieurleistungen, über 20 Gewerke und eine noch viel größere Anzahl Details. Erst, wenn alles zusammenpasst und der Preis für den Kunden stimmt, wird das Produkt gekauft. Das ist nur mit integrierter, rationeller Vorgehensweise zu lösen – wie sie eine moderne Fertighausproduktion bietet.

Rund 70 Prozent aller Fertighäuser werden mittlerweile frei geplant, glaubt man dem Bundesverband Deutscher Fertigbau (BDF). Wo kann sich das moderne Architektenhaus da positionieren, Herr Streif?
Im Zusammenspiel mit Fertighausherstellern, die nahezu ausnahmslos sehr gute Qualität anbieten. Bei diesen Produktionen findet 60 Prozent der Wertschöpfung auf Baustellen statt. Das ändert sich rasant. Neue Methoden sind gefragt.
In 15 Jahren fehlen in Deutschland zehn Millionen Arbeitskräfte. Das trifft in allererster Linie Arbeitsplätze, die nicht so gefragt und risikoreich sind, wie Baustellen. Häuser in klimatisierten Hallen herstellen und nach wenigen Tagen Aufbauzeit wohnfertig übergeben, ist im Hausbau eine klare Antwort auf diese Entwicklung.

Herr Ellerbroek, wo kann das Architektenhaus seinen Platz finden?
Im Segment der Einfamilienhäuser im mittleren Preisbereich ist der Markt unter den Fertighausbauern hart umkämpft. Als Architekt ist es leichter, eine Nische zu bedienen und in dieser durch außergewöhnliche Qualität herauszustechen. Dies kann im Einfamilienhausbereich die hochpreisige Kategorie oder auch ein besonderes Low-Budget Haus sein. Oder die Sanierung von Bestandsimmobilien, die Aufstockung oder die Erweiterung von vorhandenen Häusern. Oder besonders große oder kleine Wohnhäuser. Glücklicherweise werden aber nicht nur Einfamilienhäuser gebaut. Es gibt viel für uns Architekten zu tun im Mehrparteienwohnen, Verwaltungs-, Bildungs-, Produktions-, und Geschäftshausbereich. Die Liste ist noch länger.

Einer der Trends ist, dass größere Fertighausunternehmen als Lizenzgeber und Bauträger bzw. Generalunternehmer regionale Architekten für die Genehmigungsplanung engagieren. Anschließend übergeben Architekten an den Anbieter, der den Entwurf in die Konstruktionsplanung überführt. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein, Herr Ellerbroek?
Nachvollziehbar, weil der regionale Architekt häufig die Besonderheiten vor Ort besser kennt. Schade, weil diese Entwicklung auch bedeutet, dass sich private Bauherren nicht mehr an das Individuelle wagen sondern der „all-inclusive“ Variante den Vorzug geben. Dadurch schaffen wir uns einen Gebäudebestand der weniger außergewöhnlich, weniger heterogen und weniger spannend ist als er sein könnte.

Herr Streif, wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Der beschriebene Trend ist unverkennbar. Der deutliche Ruf nach bezahlbarem Wohnraum wird diese Entwicklung verstärken.

Ein Fertighaus sei in der Regel preiswerter als ein Architektenhaus, stimmt diese Aussage noch?
Bruno Streif: Mit einem Vergleich der Preise pro Quadratmeter Wohnfläche kann diese Frage nicht beantwortet werden. Es bedarf einer gründlichen, umfangreichen Arbeit um eine zuverlässige Aussage machen zu können.

Albert Ellerbroek: Nein. Etwas überspitzt formuliert: Architekt und Fertighausbauer kochen beide nur mit Wasser. Der Architekt rät tendenziell zur höherwertigen Lösung und kalkuliert am Anfang entsprechend. Der Fertighausbauer wirbt mit Niedrigpreisen und zieht die Kosten hinten heraus an, wenn der Kunde überraschend nicht die Fliese für fünf Euro pro Quadratmeter möchte, die im Angebot enthalten war.

Herr Ellerbroek, würden Sie heute in einem modernen Fertighaus wohnen?
Es gibt vereinzelt Haustypen von kleinen Startups, die architektonisch anspruchsvoller sind als der Standard „Satteldach mit Giebelgaube, 156 Quadratmeter“. Wenn man etwas Zeit investiert, findet man dort gute Ideen. Solange ich die Wahl habe, plane ich aber lieber selbst und auf meine Wünsche zugeschnitten.

Würden Sie heute auch in einem Architektenhaus wohnen, Herr Streif?
Ich wohne seit 46 Jahren in einem individuell geplanten Fertighaus und blicke täglich auf mein Elternhaus, das mein Vater, der ein leidenschaftlicher Zimmermeister und Holzbauunternehmer war, vor mehr als 80 Jahren erstellte: ein echtes Fachwerkhaus aus Eichenbalken. Der älteste Sohn erbte dieses wunderschöne Haus, ich ein schönes Grundstück, das ich mit meinem/unserem Traumhaus bebaute. Sollte ich nochmals ein Haus bauen, wird es ein SQ-Haus sein – ein Hauskonzept, das ich in über 30 Jahren zur Perfektion entwickelte. Die Praxis bestätigt das.

Danke für das Gespräch!

Fazit und Einschätzung

Wie die Antworten der Interviewpartner gezeigt haben, gibt es durchaus konträre Auffassungen. Das Architektenhaus von heute findet bei entsprechender Kreativität des Planers seine erfolgreichen Nischen. Das klassische Typen-Fertighaus mit vorgefertigtem Grundriss gibt es immer seltener. In der Regel berücksichtigen die Planer die Wünsche der Bauherren und passen den Grundriss an oder suchen einen geeignetes Raumprogramm heraus, das den Vorstellungen der Kunden am ehesten entspricht. Die effiziente (Vor-)Produktion spricht außerdem für ein Fertighaus. Obgleich sich auch nicht abstreiten lässt, dass das vorgefertigte Holzhaus in Konkurrenz zum Architektenhaus tritt und sich heute tagtäglich der Architektenkompetenzen bedient.

Die mittlerweile mehrheitlich – von Architekten – frei geplanten Fertighäuser bedienen auch alle (höheren) Preiskategorien und alle erdenklichen Geschmäcker: von der klassischen Stadtvilla über das moderne Bauhaus, den barrierefreien Bungalow bis hin zum exquisiten Zweigeschosser mit Lift, Tiefgarage und Wellnessbereich. Kataloge und Musterhausparks bieten den Hauseigentümern in spe lediglich inspirierende Ideen, kein fertiges Konzept. Das moderne Fertighaus (auch gern Holzhaus genannt) besteht aus einer Hülle in bestimmter Größe, alles andere ist flexibel planbar. Die Planungsverträge schließen Bauherren entweder mit dem Bauträger oder direkt mit dem freien Architekten, der ihre individuellen Wünsche mit dem Haus-System im Kopf in den Entwurf einarbeitet, wie Autor Heiko Häberle unter anderem detailliert im Deutschen Architektenblatt recherchiert hat. Er zieht ein Fazit zum „Architektenfertighaus“, über das sich nachzudenken lohnt:

In diesem Zwischenbereich von „Typenhaus“ und „Architektenhaus“ liegt wohl das größte Potenzial. Architekten können auf vorhandene Vertriebswege und Bausysteme zurückgreifen, ohne ihren Entwurf zu schwächen. Hersteller sollten sich der Gestaltungsfähigkeiten und nicht nur der Bauvorlageberechtigungen von Architekten bedienen. Dafür gilt es, auf beiden Seiten Hemmschwellen abzubauen, damit es keinen Gegensatz mehr gibt, sondern alle Typenhäuser zu Architektenhäusern werden.

 

Welche Erfahrungen haben Sie mit Architekten und Fertighausherstellern? Diskutieren Sie mit!

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